DOMENICA
Pablo Chiereghin, Aldo Giannotti und Massimo Vitali

kuratiert von Marcello Farabegoli


28.0
4. – 30.06.2017, Italienische Botschaft in Wien – Palais Metternich

Für diese dritte große, site-spezifische Ausstellung, die ich für einen Ausstellungszyklus zeitgenössischer Kunst im Auftrag des italienischen Botschafters Giorgio Marrapodi im Palais Metternich kuratiert und produziert habe, wollte ich dieses Mal nicht so sehr auf die Geschichte, die Architektur oder die Ästhetik des Palais eingehen, sondern eher auf die Funktion der Botschaft als Vertretung von Italien in Österreich. Es ist der Sonntag – in Italien „la domenica“ – als ein besonderer, weil ein in beiden Ländern weitgehend (noch …) arbeitsfreier Tag mit all seinen Ritualen und Freizeitaktivitäten, der hier von besonderem Interesse ist. Die Bindung an eine bestimmte Religion tritt dabei in den Hintergrund.
Auch diesmal kommt es hierbei zu einer Kooperation mit einer renommierten Wiener Galerie, und zwar mit der Galerie Ernst Hilger, die für die Ausstellung Werke von Massimo Vitali zur Verfügung stellt.

Ans Meer fahren und sich am Strand sonnen gehört zu den festen Ritualen der Italiener und zum unverkennbaren Bild der sogenannten „bella Italia“.
Massimo Vitali
wurde 1944 in Como geboren und ist seit den 1990er Jahren ein weltweit bekannter Fotokünstler. Von seiner bekannten Strände-Serie werden im Palais Metternich einige großformatige Ansichten aus Italien gezeigt. Due Sorelle Motor Boat (2013) und Bassa Trinità blue Ball (2013) fügen sich durch ihre ätherische, ja surreal wirkende Exklusivität bestens ins elegante Umfeld des Girlandensalons. Im Schlachtensalon hingegen, der diesen Namen aufgrund eines großen Gemäldes trägt, das Nicola Mario Rossi zugeschrieben wird und die Befreiung Wiens von den Türken im Jahr 1683 darstellt, werden Rosignano Night (1995), auf der sich eine Menschenmenge drängt, und das etwas sperrige Livorno Calafuria (2002) gezeigt.
Due Sorelle sind zwei große, weiße Klippen, die an der Küste der Region Marche herausragen. Unwahrscheinlich schön, wie das türkisfarbene Meer sich auf einem der Couchspiegeltische des Ghirlandensalons spiegelt. Auf dem Tischlein liegt ein Dekorationsaschenbecher in der Form einer Jakobsmuschel, der im Widerschein von Vitals Meer magisch eintaucht. In unmittelbarer Nähe hängt ein großes Gemälde von Luca Giordano, das eine Szene aus Torquato Tassos Epos „Das befreite Jerusalem“ zeigt, die sich auf Armidas Zauberinsel abspielt: Rinaldo liegt verliebt und verträumt in den Armen der Zauberin und hält ihr einen Spiegel vors Gesicht. Ebenso verzaubert und verträumt erscheint die Szene in Vitalis genannter Fotografie. Die Komposition wirkt derartig perfekt, dass man den Verdacht haben könnte, sie sei gestellt worden. Beim vertieften Betrachten kann man die luxuriöse Entspannung der Menschen auf den Booten nachempfinden, wie sie sich von den sanften Wogen des Meeres wiegen lassen, wie sie dahin dösen und träumen. Womöglich macht ein leichter Wind die Hitze gerade erträglich und das kristallklare Wasser lädt zum erquickende Bade ein.

Spiaggia di Bassa Trinità ist ein Strand auf La Maddalena, einer kleinen Insel nordöstlich von Sardinien. Diese Fotografie vermittelt eine vorwiegend fröhliche Stimmung, die Vitali offenbar in einem kleinen blauen Wasserball symbolisiert sieht. Ob sich diese heitere Stimmung ein wenig auch auf das daneben hängende Gemälde aus der Werkstatt des Luca Giordano überträgt, das die von Theseus verlassene Ariadne auf der Insel Naxos zeigt, sei dahin gestellt.

Rosignano Night
wirkt hingegen tatsächlich wie eine szenische Fortführung des zuerst erwähnten großen Gemäldes im Schlachtensalon. Nach der gewonnenen Schlacht scheinen sich die Bojaren des polnischen Königs Jan Sobieski gemeinsam mit den kaiserlichen Truppen in Vitalis prächtige Fotografie versetzt zu haben, um ein wildes Fest zu feiern. In Wahrheit handelt es sich freilich um Jugendliche unserer Tage, die nichts weiter als den „Sieg“ über eine überwundene Arbeitswoche in der Nähe von Livorno feiern. In der Ferne sieht man allerdings den Widerschein eines realen und grausamens Sieges: den Triumph der Industrialisierung über die Natur. Es sind zwar nicht die Kühltürme einer Nuklearzentrale, die hier strahlen – Italien ist glücklicher Weise atomfrei – dafür aber jene der Sodafabrik Rosignano Solvay, die bis vor wenigen Jahren Hunderte Tonnen Quecksilber ins Meer geleitet und dadurch die berühmten wie giftigen Spiagge Bianche [weißen Strände] von Vada erzeugt hat. Die Jugend scheint sich von diesen Hintergrund, der aufgrund des Überbelichtungseffektes wie ein Inferno des Dante Alighieri anmutet, aber ebenso wenig irritieren zu lassen wie von dem gebleichten – zur Entstehungszeit der Fotografie noch stark kontaminierten – Sand. Die ganze Szene erinnert vage auch an Hieronymus Boschs Wimmelbilder. Dabei passiert unter den Jugendlichen anscheinend nichts besonders Aufregendes: sie gehen, reden, tanzen, trinken, küssen sich ... Nur ein starkes, fremd wirkendes Licht im Vordergrund – vermutlich von Vitali ausgelöst – drängt sich durch die Masse und versucht ungestört das Geheimnis dieser bunten Szene zu durchleuchten.
Im Eingangsbereich der Botschaft sind Vitalis Arbeiten San Vito lo Capo (2010) und Torre Fiat (2007) zu sehen.

Oberflächlich betrachtet wirken Vitalis Fotografien wie Schnappschüsse, die jede/r hätte machen können. Die spezielle Wahl des Aussichtspunktes aber – von einer drei Meter hohen Plattform aus weiter Ferne –, der Reichtum an Details und die mehr oder weniger starke Überbelichtung verleihen Vitalis Stränden eine ganz besondere Mischung aus nüchterner Betrachtung und Empathie. Seine Fotografien bewegen sich zwischen Landschaftsbild und Portrait und erfassen sowohl die Existenz der einzelnen Individuen als auch die des pulsierenden Lebens der „Masse“. So schön Vitalis Strände auf den ersten Blick erscheinen mögen, so sehr sind sie auch subtil-kritische Ansichten des menschlichen Zustands im Allgemeinen sowie der Kommerzialisierung von Freizeit im Besonderen.


Um diesen kritischen Aspekt weiterzuentwickeln, habe ich Pablo Chiereghin und Aldo Giannotti, zwei jüngere italienische Künstler, die seit langem in Wien leben und wirken, eingeladen, für diese Ausstellung site-spezifische Werke zu schaffen. Der konzeptuelle Charakter ihrer Positionen vertieft dabei den inhaltlichen Aspekt. In Zusammenarbeit mit beiden Künstlern kristallisierten sich der Titel DOMENICA und das Projekt als Ganzes heraus.

Das Wort „Sonntag“ verweist etymologisch auf den Tag, der dem Sonnengott geweiht war (lat. dies solis). Mit der Christianisierung setzte sich in den südeuropäischen bzw. romanischsprachigen Ländern die Bezeichnung „Tag des Herrn“ (lat. dominica) zum Gedenken an die Auferstehung Jesu Christi durch – was beispielsweise im italienischen Wort „domenica“ durchklingt. In anderen Kulturkreisen spielen andere Tage eine ähnlich Rolle, wie etwa im Judentum der Samstag – Sabbat, d.h. der „Ruhetag“ Gottes nach der Schöpfung der Welt – oder im Islam der Freitag.
Der Sonntag als arbeitsfreier Tag hat im europäischen Raum eine wechselhafte Geschichte, die zwischen den divergierenden Ansprüchen von Religion, Politik und Wirtschaft schwankt. Im Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 heißt es: „Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub“. Das Recht auf einen arbeitsfreien Sonntag ist dementsprechend in Europa gesetzlich verankert. Gruppierungen wie die „European Sunday Alliance“ setzen sich für eine Aufrechterhaltung des freien Sonntags und anständiger Arbeitszeit ein.

Wenngleich der moderne Begriff der „Freizeit“, d.h. einer Zeit, die den Menschen für ihre individuellen Bedürfnisse frei zur Verfügung steht, ein Kind der Neuzeit ist, existiert die Vorstellung einer freien Zeit der Muße bereits in der Antike, etwa bei den Griechen, wo sie mit den Begriffen schole / a-scholia umrissen ist. Vereinfachend ausgedrückt war dies die Zeit, die die höheren Schichten dem Lernen und Philosophieren widmeten. Bemerkenswert ist, dass den Sklaven recht viele freie Tage gegönnt waren, die aber eher für den Besuch Olympischer Spiele und Festlichkeiten bestimmt waren. Im römischen Kulturkreis spielten die Wörter otium / negotium eine ähnliche Rolle. Das otium ist eine Zeit des Innehaltens und Reflektierens, des Für-sich-selbst-Seins. Cicero, Vergil, Horaz, Ovid, Seneca, später Augustinus und andere widmeten sich lobend dem Begriff des otium. Auch hier war im Gegenzug die arbeitsfreie Zeit der Plebejer mit „Brot und Spielen“ durchorganisiert und mit ablenkender Aktivität erfüllt.

Bei diesem Diskurs wird selbstverständlich zwischen träger, kritikwürdiger Faulheit und dem geistig konnotierten Müßiggang unterschieden, worauf zum Beispiel Francesco Petrarca in De remediis utriusque fortunae hinweist. Heute scheint es jedoch so, als würde Müßiggang von der Gesellschaft immer mehr als Faulheit betrachtet. Es wird beinahe zur Pflicht, freie Zeit zur Erholung zu nutzen, damit wir für den Arbeitsalltag fit sind: Freizeit im Dienst der Arbeitszeit! Dementsprechend wird die freie Zeit immer weniger eine der Muße und immer mehr eine der Geschäftigkeit. Es entstand so über die Jahre eine regelrechte Freizeit- bzw. Urlaubs- und, damit verbunden, Kulturindustrie. Die Freizeit als weiterer Wirtschaftszweig wurde entdeckt.

In der Unfähigkeit zur Muße liegt etwas Neurotisches. Viktor Frankl behauptete schlechthin, dass der Neurotiker vor dem „großen ganzen Leben ins Berufsleben“ zu flüchten versucht. Erst in der Freizeit, am Sonntag, tritt die ganze Inhalts-, Ziel- und Sinnlosigkeit seiner Existenz zutage, die er mit dem Weekend-Betrieb zu übertönen trachtet. Die Leere seines Lebens wird vom „Sonntagsneurotiker“ mit Partys, (rekordsüchtigem) Sport, selbst Kunst zu überdecken gesucht – solange seine Nerven gekitzelt werden und er sich mit fiktiven Helden identifizieren kann.

Zu dieser Thematik hat Aldo Giannotti Zweiunddreißig neue Zeichnungen geschaffen. Teils assoziativ, teils wissenschaftlich vorgehend, fand er phantasievolle Wortspiele und triftige Redewendungen, um das Thema Sonntag in vielen seiner Möglichkeiten durchzudeklinieren. Dabei nutzt er die besondere Qualität der Zeichnung, die gleichzeitig nüchtern und intim wirkt. Giannotti interessiert sich sowohl für den sakralen als auch für den profanen Aspekt des Sonntags. Er sinnt über die Dichotomie zwischen Arbeit und Freizeit nach, wenn er etwa in Sunday – Rest of the Week emblematisch die „Aggregatzustände“ beider Phasen aufzeigt.
Durch Freizeit entsteht für den Menschen im Kontinuum der Zeit ein ganz eigener psychischer Raum. Dieser Raum hat einen autonomen, zumeist langsameren Rhythmus, weist besondere Regeln und Rituale auf, die dem Menschen eine veränderte, intensivere Wahrnehmung der Wirklichkeit ermöglichen. Mit seinen Zeichnungen bezieht Giannotti auch den außergewöhnlichen Ort der Ausstellung mit ein und benutzt den Sonntag als Vorwand, um gewisse historisch-politische Ereignisse in unser Bewusstsein zu rücken. Nicht zuletzt thematisiert er auch die Eröffnungsrede selbst mit der ironisierenden Zeichnung The Marathon.

Giannotti ist ein sensibler, scharfsinniger und kritischer Beobachter, der seine Ideen mit schwarzem Tintenroller auf Blätter im A4-Format zeichnet. Sein Interesse gilt im Allgemeinen der Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung – dem sozialen Raum –, zwischen dem symbolischen und physischen Raum und sozial-plastischen Dynamiken. Seine Kombinationen aus Wörtern und reduzierten Bildern muten wie Aphorismen an. Mit ihnen trifft er oft den kritischen Punkt, manchmal steckt er seinen Finger bzw. seinen Stift in die Wunden, ohne aber dadurch den Schmerz vergrößern zu wollen. Im Gegenteil: voller Humor und Ironie deckt er Widersprüche sozialer Normen und Verhaltensweisen, des Konformismus und nicht zuletzt der Verteilung von Macht auf – und öffnet uns neue Wege der Reflexion. Seine Zeichnungen sind oft auch Anweisungen für performativ-installative Ausführungen, die sich über alle Medien erstrecken. So können Sie im Hof der Botschaft seine Installation Strisce Blu (2012/2017) [Blaue Streifen] sehen: Am Boden wurden Autoparkplätze mit blauen Streifen markiert, die in Italien an Werktagen kostenpflichtige Parkzonen bedeuten. Anders als bei einer ähnlichen Installation aus dem Jahr 2012 im Italienischen Kulturinstitut in Wien verweilt diese Installation aufgrund des Ausstellungstitels in einem ewigen Sonntag – wie in einer Art Zeitschleife: sonntags sind blaue Zonen auch in Italien unentgeltlich, sodass die scheinbare Aporie dieser Ordnungswidrigkeit mit nicht wenig Witz vom Künstler aufgehoben wird.

Im Musikzimmer kann Giannottis Arbeit Personal Spotlight (2017) erlebt werden: Der Zuschauer selbst tritt ins blendende Rampenlicht stadionähnlicher Scheinwerfer, um als Held des Moments, als Liebling des Sonntags, als Star gefeiert zu werden.

Die deutlichste Verwirklichung solch zeichnerischer Anweisungen ist die installative Intervention Pitch Invasion (2017) im Großen Festsaal der Botschaft, die Aldo Giannotti gemeinsam mit Pablo Chiereghin entwickelt hat, worauf noch zurückzukommen sein wird.

Schließlich findet im Laufe des Eröffnungsabends eine von Aldo Giannotti und Philippe Riera / SUPERAMAS konzipierte „performative Aktivierung“ statt.

Auch Pablo Chiereghin arbeitet gerne site-spezifisch, indem er von sozialen und politischen Dynamiken ausgeht. Seine künstlerische Praxis findet dort einen fruchtbaren Boden, wo Verhaltensweisen und soziale Regeln Entropie und Diskrepanzen verursachen. Mittels seiner Kunst-Aktionen, Performances und Interventionen setzt er Elemente und Prozesse unserer Realität in einen neuen Kontext. In dieser Ausstellung zeigt er feine Unterschiede zwischen Österreich und Italien auf. Unter Verwendung von cultural ready mades, u.a. von Klischees, ergründet und sabotiert er die Art und Weise, wie der Sonntag bzw. die Freizeit gelebt und „konsumiert“ werden.
Pablo Chiereghin stammt aus Adria, einer kleinen Stadt in der Nähe von Venedig, die nicht ganz an der Küste liegt, aber den Namen eines ganzen Meeres trägt. Eine innige Beziehung des Künstlers zum Meer könnte von dem großen Banner abgelesen werden, das Chiereghin auf dem Balkon der Botschaft befestigt hat: Mir fehlt das Meer (2013) lautet die lakonische Aufschrift. Diese Arbeit aber entstand zunächst für das KÖR-Projekt Kunstgastgeber Gemeindebau, deren Titel ident ist mit der ersten Aussage, die Chiereghin von einer türkisch-kurdischen Bewohnerin eines Gemeindebaus erhielt. „Mir fehlt das Meer“ ist somit eine persönliche Reminiszenz, die von zwei Migrant/innen geteilt wird und die nun der Vertretung Italiens in Österreich sozusagen in den Mund gelegt wird.

Im Treppenaufgang der Botschaft findet man anstelle eines Gobelins aus Wolle und Seide aus dem 17. Jahrhundert die ca. 3 x 4 Meter große Arbeit Pentecoste-Lignano (2017): Es ist ein journalistisches Foto von Massimo Turco (2014), das die Folgen wilder Nächte, die Jugendliche vorzugsweise aus Österreich und Deutschland zu Pfingsten in Lignano ausleben, dokumentiert. Diese Arbeit kann sowohl inhaltlich als auch ästhetisch als komplementärer ironischer Kommentar zu Vitalis Fotografien gesehen werden. Auch hier schwingt eine subtile Kritik an den Vorurteilen mit, die man gegenüber einem Volk hat oder nicht hat.

Am Eröffnungsabend verliest man für österreichische Gäste im Großen Vorraum der Bel Etage alle zwanzig Minuten die vom österreichischen Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA) erlassenen Reisehinweise für Italien. Diese Performance, die auf offiziellen Akten basiert, gibt synthetisch das Bild wieder, das eine Nation von einer anderen hat.

In räumlicher Nähe zu dieser Performance und anderen Installationen stellt Pablo Chiereghin italienisch-deutsche Schilder auf, die als Interventionen vermittelnde Erklärungen und Hinweise geben, wie zum Beispiel: „Aufgrund der hohen Besucherzahl werden für das Buffet Teller, Besteck und Becher aus Plastik verwendet.“, „Um die wertvollsten Möbelstücke in den Sälen der Botschaft vor Abnutzung zu schützen, wurden sie mit Nylonfolie abgedeckt.“, „Die Installation Die Räumlichkeiten des Botschafters von Pablo Chiereghin ist vorläufig geschlossen und nur nach Terminvereinbarung zu besichtigen.“.

Im Grünen Salon erwartet das Publikum ein aufblasbares Kinderschwimmbecken, das mit Wasser befüllt ist und von folgender Handlungsanweisung begleitet wird: „Glücksbrunnen: Wirf eine Münze, wünsch Dir etwas und sag es niemandem.“ Diese Arbeit ist eine Anspielung auf die römische Fontana di Trevi und zugleich ein Sinnbild für Schlauheit: sie gehört einer Serie an, in welcher der Künstler mittels seiner Kunst Überlebensstrategien anwendet und die „Einnahmen“, also die in den Brunnen geworfenen Münzen der Besucher, für sich behält.

Im Schlachtensalon schließlich wird auf eine Leinwand vor dem Kamin ein Video des Künstlers projiziert, das fixe Kameraeinstellungen leerer Parkplätze vor Supermärkten am Sonntag wiedergibt. Die formal-architektonischen Dokumentationen des einzigen Tages, an denen an solchen Orten Arbeit und Konsum still stehen, wirken trostlos und kontrastieren mit Vitalis großen Fotografien, die sich im selben Salon befinden.

Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass Aldo Giannottis und Pablo Chiereghins Großinstallation Pitch Invasion gewissermaßen das Wesen der gesamten Ausstellung spiegelt. Im Zuge meiner Recherchen eines geeigneten Fußballfeldes für die Innenräume der Botschaft brachte mich Hubert Scheibl in Anlehnung an seine Einzelausstellung 2013 im Museum der Moderne Salzburg auf die Idee, einen echten Rasen zu benutzen. Es wurde somit ein echter Rasen im Großen Festsaal gelegt, der nicht nur haptisch wahrnehmbar ist, sondern auch vom Geruchssinn sofort erkannt wird.
Gerade am Sonntag oder in der Freizeit gehen Menschen in die Natur, spazieren auf den Wiesen, allein oder gemeinsam mit Familie und Freunden. Zugleich suggerieren die weißen Linien der Installation, dass es sich bei der Rasenfläche um ein Fußballfeld handelt. Die Verbindung zwischen Fußball und Sonntag bzw. Freizeit sowie Italien ist klar. In diesem Zusammenhang sei nochmals Viktor Frankl erwähnt, der in jener Haltung, die den Erfolg dieses oder jenes Fußballklubs als das Wichtigste auf Erden erachtet, ein klares Zeichen für den bereits genannten Sonntagsneurotiker sieht. Und Pier Paolo Pasolini bezeichnete, wenn auch im positiven Sinne, Fußball gar als die letzte rituelle Manifestation des Heiligen in unserer Zeit...

Pitch Invasion bietet allerdings nur einen Ausschnitt eines Fußballfeldes, sodass die Bedeutung der Installation weit über das Abbild eines Spielfelds hinausgeht. Es handelt sich um ein besonderes Feld, einen abstrakten Raum, den die Künstler als Metapher für menschliches Tun sehen. Teamarbeit und Konkurrenz, Liebe und Hass, Patriotismus und Nationalismus, Glaube und Fanatismus, das Kapital und die wirtschaftlichen Interessen der Freizeitindustrie und viele andere soziale, historische und politische Aspekte spielen dabei eine Rolle.

Der Kardinalpunkt dieser Installation ist allerdings, dass eine reale pitch invasion (der Sturm des Publikums auf das Spielfeld) ein illegaler Akt ist, der u.a. vom italienischen Gesetz hart bestraft werden kann. Gleichwohl kann ein Platzsturm auch eine Form feierlicher Handlung sein: Spieler und Publikum verschiedener Nationen vereinen sich auf einem gemeinsamen Feld, so, als ob sie zu einem sonntäglichen Wallfahrtsort gingen. Zu solcher Art eines subversiven „Zusammenprallens“ laden uns die Künstler ein und zwingen uns zugleich dazu, uns selbst ins Spiel zu bringen.

Marcello Farabegoli

 

 

Pablo Chiereghin (www.pablochiereghin.com) wurde 1977 in Adria, Italien geboren und lebt seit 2008 in Wien. Er hat mit zahlreichen Institutionen und Galerien in Österreich, Italien und in der Schweiz zusammengearbeitet, wie etwa der Akademie der bildenden Künste Wien, dem Archäologischen Nationalmuseum in Adria, der andata.ritorno Gallery in Genf, dem Bank Austria Kunstforum in Wien, CCC Strozzina – Palazzo Strozzi in Florenz, dem weissen haus in Wien, der Galerie Laurence Bernard in Genf, dem Kunst Haus Wien, dem Künstlerhaus Wien, dem Kunstraum Niederösterreich in Wien, der Micamera Gallery in Mailand und der Trieste Contemporanea. Er hat mehrere Projekte im öffentlichen Raum u.a. mit KÖR realisiert.

Aldo Giannotti (www.aldogianotti.com) wurde 1977 in Genua, Italien geboren und lebt seit 2000 in Wien. Er hat in zahlreichen Institutionen wie etwa der Albertina, der Artothek München, dem Austrian Cultural Forum in London, der Biennial of Young Artists in Bucharest, der Beijing Art Biennale, CCC Strozzina – Palazzo Strozzi in Florenz, dem Kunsthaus Graz, der Kunsthalle Nikolay in Copenhagen, der Kunsthalle Wien, dem Künstlerhaus Dortmund, dem Künstlerhaus Wien, dem Kunstraum Niederösterreich in Wien, dem Lentos Kunstmuseum Linz, dem MUSA in Wien, dem Museion in Bolzano/Bozen, dem Museum der Moderne in Salzburg, dem Muzeum Sztuki w Łodzi, der Sammlung Essl, dem Strabag Kunstforum ausgestellt und Projekte im öffentlichen Raum beispielsweise mit KÖR realisiert. 2007 hat er gemeinsam mit Liquid Loft den Goldenen Löwen für die Beste Performance auf der Biennale in Venedig erhalten. Aldo Giannotti wird in Österreich vom Projektraum Viktor Bucher vertreten.

Massimo Vitali (www.massimovitali.com & www.hilger.at/832_DE-Kuenstler-Werke.htm,Massimo,Vitali) wurde 1944 in Como, Italien geboren. Seine Arbeiten befinden sich u.a. im Centre Pompidou in Paris, im Centro per l’Arte Contemporanea Luigi Pecci in Prato, in der Fondation Cartier pour l’art contemporain in Paris, im Fonds national d’art contemporain in Paris, im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid, im Museum of Contemporary Art in Denver und im Solomon R. Guggenheim Museum in New York. Massimo Vitali wird in Österreich von der Galerie Ernst Hilger, Wien vertreten.